Das Phantom von Sinsheim – Warum es für die TSG Hoffenheim kein Wiederholungsspiel geben konnte

Das DFB Sportgericht hat entschieden, dass die Bundesligapartie TSG Hoffenheim – Bayer Leverkusen nicht wiederholt wird. Es liege kein regelwidriges Verhalten des Schiedsrichters vor, sondern eine Tatsachenentscheidung. Und die ist und bleibt im Fußball so unantastbar wie die Menschenwürde.

Rückblick: In der Rhein-Neckar-Arena von Sinsheim, da wo zum Auftakt des 9. Bundesligaspieltags Hoffenheim und Leverkusen aufeinandertrafen, hatte sich ein Phantom eingeschlichen und den Ball in der 70. Spielminute zum 2:0 für Bayer Leverkusen ins Hoffenheimer Tor bugsiert. Stefan Kießling, der vermeintliche Torschütze, hatte dies nämlich nicht allein bewerkstelligt. Von seinem Kopf aus flog der Ball zwar Richtung Tor, landete aber am Außennetz. Das Netz war schadhaft, so dass der Ball durch ein Loch hindurchschlüpfen konnte und plötzlich im Tor lag. 

Ein klar irregulärer Treffer, sagt doch Regel 10 der Fußballspielregeln, dass der Ball die Torlinie zwischen den Torpfosten überqueren muss, damit ein Tor vorliegt.

Weil Hoffenheim noch ein Treffer gelang, siegte Leverkusen nur knapp mit 2:1. Ohne das „Phantomtor“ wäre das Spiel vielleicht unentschieden ausgegangen. Daher ist es nachvollziehbar, dass die Hoffenheimer Einspruch gegen die Wertung des Spiels beim DFB einglegten mit dem Ziel, ein Wiederholungsspiel zu erreichen.

Über das Für und Wider eines Wiederholungsspiels wurde viel diskutiert. Das DFB Sportgericht hat am Montag, den 28.10.2013 entschieden, dass kein Rechtsgrund vorliegt, um das Spiel zu wiederholen.

Wir vollziehen die Entscheidung einmal nach:

§ 13 der Spielordnung der DFL (identisch mit § 17 der Rechts- und Verfahrensordnung des DFB) sieht ein Wiederholungsspiel als Folge eines erfolgreichen Einspruchs gegen die Wertung eines Bundesligaspiels ausdrücklich vor. § 13 Nr. 2 der Spielordnung bestimmt, wann eine Mannschaft Einspruch gegen die Wertung eines Bundesligaspiels einlegen kann, an dem sie beteiligt war. § 13 Nr. 2 nennt einige Sachverhalte (Spielmanipulation, unabwendbare Ereignisse, gedopte Spieler, Einsatz nicht spielberechtigter Spieler), zählt diese aber nur beispielhaft auf („Einsprüche gegen die Spielwertung können unter anderem mit folgender sachlicher Begründung erhoben werden […]„). Genau genommen hätte der Einspruch also auch auf einen anderen Grund, z.B. darauf gestützt werden können, dass das „Phantomtor“ entgegen Regel 10 der Fußballregeln erzielt wurde und das Ergebnis soweit beeinflusst haben kann, als dass das Tor - aus Hoffenheimer Sicht - zwischen Unentschieden oder Niederlage entschieden hat.

Die TSG Hoffenheim legt sich aber auf die Einspruchsgründe „unabwendbares Ereignis“ und „Regelverstoß des Schiedsrichters“ fest.

Dass es sich bei dem schadhaften Netz um ein unabwendbares Ereignis handelt, war schwer zu begründen. § 13 Nr. 2 b der Spielordnung verlangt zudem, dass das Ereignis  „während des Spiels“ eintritt und „nicht mit dem Spiel im Zusammenhang steht“. Die Hoffenheimer hätten also vortragen und belegen müssen, dass das Tornetz – nachdem es vor Spielbeginn hätte geprüft worden sein müssen - durch irgendeinen äußeren Umstand während des Spiels gerissen ist. Dieser Nachweis konnte nicht gelingen.

Auch die Tatsache, dass das Tor ersichtlich irregulär, nämlich unter Verstoß gegen Regel 10 der DFB-Fußballregeln zustande kam, führt zu keinem Einspruchsgrund, denn der Schiedsrichter, Dr. Felix Brych, hatte in der fraglichen Situation auf „Tor“ entschieden.

Nach Regel 5 der der DFB-Fußballregeln sind „die Entscheidungen des Schiedsrichters zu spielrelevanten Tatsachen endgültig. Dazu gehören auch das Ergebnis des Spiels sowie die Entscheidung auf „Tor“ oder „kein Tor“. Damit wird die sog. Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters - die heilige Kuh des Fußballregelwerks - manifestiert. Wäre die „Tatsachenentscheidung“ überprüfbar, würden Vereine mit Recht verlangen, dass auch dann Wiederholungsspiele angesetzt werden, wenn Spieler durch eine ersichtliche „Schwalbe“ im Strafraum einen unberechtigten und spielentscheidenden Elfmeter erzwungen haben. Auch der nicht gegebene Treffer der Engländer im Achtelfinalspiel gegen Deutschland bei der Weltmeisterschaft in Südafrika hätte sportgerichtlich angefochten werden können.

Gemäß § 13 Nr. 2c der Spielordnung ist die Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters ausnahmsweise dann nicht unumstößlich, wenn dem Schiedsrichter bei der Entscheidung selbst ein Regelverstoß anzulasten ist. Es genügt also nicht, dass das „Phantomtor“ regelwidrig zustande kam, sondern der Schiedsrichter selbst muss den Regelverstoß begangen haben.

Die Befugnisse und Pflichten des Schiedsrichters ergeben sich aus den Fußballregeln. Dort sind sie leider sehr intransparent geregelt. Das Regelwerk enthält - neben klaren Bestimmungen zu Rechten und Pflichten der Schiedsrichter in Regel 5 – auch diverse „zusätzliche Erläuterungen“ des DFB, die offenbar als eine Art „Auslegungshilfe“ verstanden werden wollen.

In Betracht kommt ein regelwidriges Verhalten bei der Festlegung, ob ein Tor erzielt wurde oder nicht. Die zusätzliche Erläuterung zu Regel 10 (Tor oder nicht Tor) lautet: „Ein Pfiff bei der Torerzielung sollte nur in unklaren Fällen erfolgen. Bestehen Zweifel, ob der Ball vollständig im Tor war, soll der Schiedsrichter das Spiel weiterlaufen lassen“. Die Auslegungshilfe gewinnt dadurch quasi eigenen Regelungscharakter. Interessant wäre eine Erläuterung dazu, wie der Schiedsrichter bestehende Zweifel ausräumen kann. Hierzu steht im Regelwerk nichts.

Hatte Dr. Felix Brych Zweifel, ob das Tor in Hoffenheim regulär oder irregulär war, hätte er weiterspielen lassen müssen. Ließ er nicht weiterspielen, liegt ein Regelverstoß vor.

Felix Brych hat diese Zweifel eingeräumt, auch er hatte – neben Stefan Kießling – den Ball zunächst neben dem Tor vermutet. Die Tatsache, dass der Ball dennoch im Tor lag, ließ ihn – wie auch Stefan Kießling – offenbar zunächst einmal an der eigenen Wahrnehmung zweifeln. Das klingt glaubhaft, ebenso dass er durch Befragung des Torschützen und Kontaktaufnahme mit den Linienrichtern (die ebenfalls „Tor“ signalisierten) seine Zweifel ausgeräumt hat. Mehr kann man von dem Schiedsrichter nicht verlangen. Das Zustandekommen des Tores war einfach mehr als unglücklich.

Dennoch bleibt ein fader Nachgeschmack. Da es sich um ein Spiel am Anfang der Saison handelt, sind die unmittelbaren Nachteile für die Hoffenheimer kaum spürbar. Dass dem Team in der Saison-Endabrechnung der verlorene eine Punkt fehlt, ist nicht sehr wahrscheinlich. Es liegen zu viele Spiele dazwischen, die über das Schicksal des Clubs am Ende der Saison mitentscheiden. Weitaus unbequemer für die DFB-Richter wäre es gewesen, wenn der Ausgang des Spiels unmittelbar über Abstieg, Meisterschaft oder Pokalsieg entschieden hätte. Die Ungerechtigkeit wäre noch schreiender, eine andere Entscheidung des Sportgerichts sehr wahrscheinlich. Das verschafft der Sportgerichtsbarkeit etwas unangenehm Beliebiges. Dies drängt sich umso mehr auf, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die FIFA sogar die Möglichkeit hat, das Sportgericht in seiner Entscheidung auf Wiederholungsspiel zu überstimmen.

Dem Schiedsrichter und allen Beteiligten wäre mit einem Videobeweis oder einer Torlinientechnologie besser geholfen – sie wird kommen, nach diesem neuerlichen Ereignis ist dies mehr als sicher.

29. Oktober 2013