Ist das Schummeln bei Online- Spielen durch Benutzung von Cheatsoftware erlaubt?

Seit Jahren versuchen die großen Spieleanbieter die Benutzung von „Cheats“ unter Berufung auf Wettbewerbsrecht mit Hilfe ihrer Nutzungsbedingungen zu untersagen. Unklar bleibt jedoch nach wie vor, ob und inwieweit es den Anbietern möglich ist, mit den Mitteln des Wettbewerbsrechts gegen „Cheats“ vorzugehen.

Das Phänomen der „Cheats“

Durch die stark in den Medien verbreiteten Spielwerbekampagnen werden immer mehr User dazu gelockt, an dem virtuellen „Second Life“ teilzunehmen. Dieses Leben bietet nicht nur die Möglichkeit, neue Leute kennen zu lernen, an magischen Expeditionen teilzunehmen und sich an großen Kämpfen zu beteiligen, es ermöglichst auch vielen Nutzern sich völlig befreit vor Ängsten des täglichen Lebens unter Beweis zu stellen.

Wie es im Leben üblich ist, versucht selbstverständlich jeder Spieler, besser und stärker als seine Mitstreiter zu sein. Diesen Umstand haben sich findige Anbieter zu Nutze gemacht und Schummelsoftware (sogenannte "Cheats") entwickelt.

Entgegenstehendes Interesse der Spielbetreiber

Die Online Welt bietet für viele Unternehmen eine hervorragende Chance, hohe Einnahmen in kurzer Zeit zu erzielen. Die Regel ist ganz einfach: Je mehr Spieler an einem virtuellen Spiel beteiligt werden, desto größer das „Geldfluss“ in die Kassen der Anbieter. Ein ursprünglich in kostenloser Form angebotenes Spiel, erweist sich schnell als durchaus kostenaufwändig. Will ein Nutzer nämlich die schnellere Entwicklung seines virtuellen Charakters fördern, indem er ihm bessere Ausrüstung anbietet oder Zugang zu den nur für die Premium User vorgesehenen Gebiete und Quests eröffnet, so wird dies für ihn oft mit einem monatlichen Entgelt verbunden. Das Glück der Spielbetreiber wird in letzten Jahren jedoch immer mehr durch die Cheatsanbieter beeinträchtigt, indem sie den Usern mit Hilfe von Schummelsoftware den Zugriff auf die kostenpflichtigen Erleichterungen auch ohne Entgelt ermöglichen.

Die Reaktion der Spielanbieter ist immer gleich: In den Nutzungsbedingungen wird der Einsatz von „Cheat“-Software untersagt. Und gelegentlich hat es Versuche gegeben, die Einhaltung der Nutzungsbedingungen mit den Mitteln des Wettbewerbsrechts zu erzwingen (zuletzt LG Hamburg vom 30.6.2011, Az. 327 O 741/10 – Runes of Magic Trading).

Wettbewerbsrechtlicher Verstoß durch Anbietung von „Cheats“?

Fraglich ist aber, ob die Benutzung von „Cheats“ in der Tat gegen die Regeln des Wettbewerbsrechts verstößt? In Betracht kommen folgende Verletzungen des Wettbewerbsrechts:

1. Verleitung zum Vertragsbruch - § 4 Nr. 10 UWG

Wird den virtuellen Spielern die Nutzung jeglicher „Schummelprogramme“ auf vertraglichem Wege untersagt, so liegt die Vermutung nahe, dass die Hersteller von „Cheats“ mit ihrem Angebot die potentiellen User zu einem Bruch ihrer vertraglichen Verpflichtungen motivieren könnten.

Eine unlautere Behinderung setzt jedoch eine gezielte und bewusste Hinwirkung auf einen anderen voraus, eine ihm obliegende Vertragspflicht zu verletzt. Vielmehr bedarf es einer Beeinträchtigung der wettbewerblichen Entfaltungsmöglichkeiten der Mitbewerber, die über die mit jedem Wettbewerb verbundene Beeinträchtigung hinausgeht.

Mit der Entwicklung und dem Vertrieb von „Cheats“ wird jedoch keinesfalls der Zweck verfolgt, die Spieleanbieter an ihrer Entfaltung zu hindern, sie aus dem Markt zu verdrängen, oder ihre Leistungsfähigkeit auf dem Markt zu beschränken. Viel mehr sind die Cheats- Anbieter, wie alle sonstigen Zubehörhändler, auf den Bestand der Spiele angewiesen und haben ein natürliches Interesse am Erfolg des zugrunde liegenden Spieles. Von einer unlauteren Behinderung gemäß § 4 Nr. 10 UWG kann daher unter dem Gesichtspunkt der Verleitung zum Vertragsbruch nicht die Rede sein.

2. Ausnutzen fremden Vertragsbruchs - § 4 Nr. 10 UWG

Das Ausnutzen eines fremden Vertragsbruchs setzt voraus, dass zu dem Vertragsbruch Umstände hinzutreten müssen, aus denen sich eine Unlauterkeit ableiten lässt. Im zugrundeliegenden Fall müsste somit das Ausnutzen eines fremden Vertragsbruchs eine unlautere Behinderung darstellen. Nach der neueren Rechtsprechung des BGH ist es jedoch grundsätzlich nicht der Fall.

3. Schutz von „Spielregeln“ durch das Wettbewerbsrecht - § 4 Nr. 10 UWG

Eine unlautere Behinderung wäre auch bei der Annahme denkbar, dass „Cheats“ in das innere Spielsystem eingreifen und somit grundlegende Spielregeln sowie Prinzipien der Fairness, Gerechtigkeit und Chancengleichheit verletzen.

Selbst bei der Nutzung einer Software, die eine Störung von Betriebsabläufen zur Folge hat, ist ein Verstoß nach § 4 Nr. 10 UWG zu verneinen, solange es nicht zu einer unzumutbaren technischen Beeinträchtigung kommt. Von einer technischen Beeinträchtigung von Betriebsabläufen kann bei den „Cheats“ somit keine Rede sein.

5. „Einschieben in eine fremde Serie“ - § 4 Nr. 9 lit. b UWG

Fraglich ist, ob mit der Bereitstellung von Cheats der Tatbestand eines Einscheibens in eine fremde Serie gegeben ist. Ein solches unlauteres Einschieben gemäß § 4 Nr. 9 lit. b UWG hat das LG Hamburg in einem Fall bejaht, in dem ein kostenlos angebotener „Cheat“ dazu diente, eine kostenpflichtige Zusatzfunktion eines Spiels zu ersetzen. Dabei wurde jedoch übersehen, dass der BGH eine unlautere Rufausbeutung gemäß § 4 Nr. 9 lit. b UWG bei einem „Einschieben in eine fremde Serie“ allenfalls noch zeitlich befristet bejaht. Somit lässt sich ein pauschaler „Zubehörschutz“ gegen „Cheats“ aus § 4 Nr.9 lit. b UWG nicht ableiten.

Fazit

Unabhängig von der großen Unzufriedenheit und den spürbaren Einkommenseinbüssen müssen die Spielebetreiber die Tatsache akzeptieren, dass sowohl „Einschieben in eine fremde Serie“, „Vertragsbruch“ sowie „Integrität des Systems“ nach heutigem Stand des Wettbewerbsrechts grundsätzlich Ausdrucksformen des zulässigen Marktverhaltens darstellen und nur im Ausnahmefall als unlautere Wettbewerbsmethoden angesehen werden können. Mit dem deutschen Wettbewerbsrecht werden die Anbieter von Online-Spielen daher den Kampf gegen „Cheats“ nicht gewinnen können.

Mehr dazu erfahren Sie in dem neuen Aufsatz von Niko Härting und Andrzej Bielajew in der IPRB 2012, S. 13ff.

2. Februar 2012